Die Formel E der ungeliebte Bruder der Formel 1?

Die Elektrorennserie Formel E wurde 2014 von der FIA ins Leben gerufen, um den Rennsport nahbar in die Städte der Menschen zu bringen und gleichzeitig den Nachhaltigkeitsgedanken zu stärken. Jedoch ist bei vielen alteingesessenen Motorsport-Fans die Formel E auch nach fast zehn Jahren nach der Einführung keine ernstzunehmende Rennserie. Doch woran liegt das und stimmt das wirklich?

Keine Tradition – keine Leidenschaft

Die Formel E ist eine recht junge Rennserie. Derzeit findet die neunte Saison statt. Erst seit 2020 ist die Elektroserie eine offizielle Weltmeisterschaft. Da scheint es logisch, dass die Rennserie im Vergleich zur Formel 1, DTM oder anderen Meisterschaften keine lange Tradition haben kann. 

Ähnlich traditionslos sind die Strecken, auf denen die Formel E fährt. Nicht etwa im legendären Spa-Francorchamps in Belgien oder auf der Traditionsstrecke von Silverstone finden die Rennen statt, sondern auf speziell für die Formel E entworfenen Stadtkursen. Mit Ausnahme vom Monaco-GP sind die Locations zwar wenig traditionell, was aber nicht bedeutet, dass die Stadt-Strecken langweilig sind: Ein Rennen durch die Straßen von New York City, in Südafrika an der Küste von Kapstadt oder nachts durch das lichtdurchflutete Diriyah. Die Formel E fährt jedes Jahr auf neuen und spektakulären Rennstrecken und der Circuit auf dem Berliner Tempelhof ist mit seinen mittlerweile 18 Rennen auch ein Stückweit Tradition in der noch jungen Elektrorennserie.

Nur zweitklassige Formel-1-Fahrer…

Betrachtet man das Fahrerfeld der Formel E, so fällt dem F1-Fan schnell auf, dass viele Fahrer, die sich nicht in der Königsklasse behaupten konnten, jetzt in der Elektroserie unterwegs sind. In den Top-10 der vergangenen acht Jahren in der Formel E waren insgesamt 39-mal Fahrer mit F1-Rennerfahrung platziert.  

Der Trend der „zweitklassigen“ Formel-1-Fahrer in der Formel E ist jedoch in den letzten Jahren stark zurückgegangen. Immer mehr Nachwuchsfahrer nutzen die Formel E als echte Alternative zur Königsklasse und spezialisieren sich auf die Elektroserie. Immer seltener sind ehemalige Formel-1-Fahrer in der Formel E anzutreffen. Viel mehr kann die Formel E – wie bei Nyck de Vries – als Sprungbrett für die Königsklasse dienen. De Vries konnte sich in der Saison 2020/2021 als Formel-E-Weltmeister küren und nach seinem Einsatz als Ersatzfahrer für Alexander Albon beim F1-Rennen in Monza 2022 für die Saison 2023 ein Stammcockpit in der Formel 1 bei Alpha Tauri sichern.  

Ohne Lärm ist es Langweilig

Unterhält man sich mit Motorsport-Puristen, so ist die erste Kritik an der Formel E immer, dass sie durch die Elektromotoren leise ist. Dies ist ohne Frage nicht wegzudiskutieren. Wer jedoch selbst mal an der Strecke eines FE-Rennens war, kann bestätigen, dass es angenehm ist Rennaction verfolgen zu können ohne ohrenbetäubenden Lärm. Zeitgleich bietet die Formel E viele abwechslungsreiche Rennen mit wechselnden Siegern. Der Grund ist das gleiche Kräfteverhältnis zwischen den Autos. Das ganze Fahrerfeld ist durch annährend gleiche Fahrzeuge sehr eng beisammen, sodass es keine dominierende Fahrer gibt. Langeweile kommt so nicht auf. 

Neben den fast baugleichen Autos sind die Größe und das Gewicht der Boliden ausschlaggebend dafür, dass die Formel E selbst in Monaco enge Zweikämpfe bieten kann. Ein Formel-E-Auto ist 20cm schmaler und rund 50kg leichter als betanktes F1-Fahrzeug der 2023-Saison. Zudem sind die Wagen der Elektroserie nicht so aerodynamisch ausgefeilt, weswegen sie nicht so anfällig für Dirty Air von vorausfahrenden Fahrzeugen sind. Außerdem bedeutet ein kleiner Schaden am Frontflügel durch eine Kollision nicht das Ende des Rennens, da die Fahrzeuge trotz des Schadens nicht für einen Wechsel in die Boxengasse müssen. Die aerodynamische Einfachheit der Fahrzeuge ermöglicht, dass die Fahrer konkurrenzfähig kämpfen können. Fällt im Vergleich dazu in der Formel 1 eine Frontflügel-Endplatte ab, so wird der Fahrer signifikant langsamer.

Insgesamt erinnert der Charakter des Racings der Formel E eher an dem eines Kartrennens anstatt eines F1-Rennens. Das ist erfrischend und abwechslungsreich und nicht langweilig, trotz des Sounds. 

Für Fans das bessere Erlebnis

Wer als F1-Fan zu einem Rennen möchte, für den ereignet sich meistens schon die Anfahrt an die Strecke als kräftezehrende Tortur. Oftmals sind Kilometerlange Fußmärsche über Stock und Stein notwendig, um überhaupt auf die Tribüne zu kommen. Angekommen folgt die nächste Ernüchterung: Die Tribüne sind weiter von der Strecke entfernt als man vorher denkt. Möchte man abseits von der Strecke etwas erleben, so ist man an einem F1-Rennen nicht der Einzige, der auf diese Idee kommt, und man muss viel Wartezeit mitbringen. Genauso wie bei der Abfahrt von der Strecke nach dem Rennen. Wenn mehrere hunderttausend Fans gleichzeitig nach Hause wollen, ist Stress vorprogrammiert. Für dieses „einmalige“ Erlebnis zahlt der Fan oftmals einen hohen dreistelligen Preis. 

Bei der Formel E ist das Erlebnis ein anderes: Weil die Rennen in Großstädten veranstaltet werden, ist die Anfahrt deutlich unkomplizierter und entspannter. Nach der Taschenkontrolle ist man ohne kilometerlangen Fußmarsch an der Strecke. Da nur wenige zehntausend Menschen die FE-Rennen besuchen, kann man als Fan sogar viele abwechslungsreiche Aktivitäten abseits der Strecke unternehmen. BMX-Fahren, klettern oder in einen Formel-E-Simulator einsteigen sind nur einige Beispiele. Zudem kommt man als Fan der Elektrorennserie ganz nah an das Geschehen und das für keine 100 Euro. Betrachtet man den großen Preisunterschied zur Formel 1, so ist der Besuch eines Formel-E-Rennens das bessere Erlebnis.

Eine Hoffnungsvolle Zukunft

Nachdem die Formel E mit der Saison 2020/2021 offiziell eine Weltmeisterschaft wurde, zur Saison 2022/2023 die neuen Gen3-Autos eingeführt wurden und die Formel E nunmehr keine Zeitrennen, sondern Rennen mit einer vorgeschriebenen Rundenzahl sind, entwickelt sich die Elektroserie zu einer ernstzunehmenden Motorsportklasse. Wenn im nächsten Jahr die sogenannten „Attack-Charge“ Boxenstopps eingeführt werden, bei denen die Autos innerhalb von 30 Sekunden während des Pit-Stops aufgeladen werden, so gibt es bei FE-Rennen ebenfalls eine strategische Komponente abseits des klassischen Attack-Modes.

Ebenfalls ist für die ab 2026 anstehende Gen4-Generation der Fahrzeuge die freie Entwicklung von Batterie und Karosserie für die Teams in Diskussion. Dadurch sind Fans noch differenzierter in der Lage Unterschiede bei den Teams festzustellen und der Stellenwert der einzelnen Teams wird ebenfalls erhört. 

Insgesamt entwickelt sich die Formel E zu einer echten und klimaneutralen Alternative zur Formel 1. Jeder Motorsport-Fan sollte dieser Rennserie eine Chance geben. Abwechslungsreiche Rennen an einmaligen Kulissen rund um den Globus kann die Formel E bieten. Zudem gibt es die Möglichkeit als Fan für kleines Geld hautnah dabei sein zu können. Die Elektroserie blickt mit ihren Plänen, Ideen und Entwicklungen auf jeden Fall auf eine hoffnungsvolle Zukunft. 

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