Das Podium der Weltmeister war das Resultat des Rennens in Kanada. Max Verstappen konnte beinah routiniert den Grand-Prix in Montreal gewinnen. Dahinter der F1-Weltmeister der Jahre 2005 und 2006, Fernando Alonso, und Rekordweltmeister Lewis Hamilton auf Platz drei. Auf dem ersten Blick scheint alles wie immer, aber der hundertste Erfolg der Red-Bull-Mannschaft war der engste Sieg der bisherigen Saison. Doch woran lag es, dass Verstappen in Kanada nicht mit 20 Sekunden oder mehr Vorsprung das Rennen gewinnen konnte.
Vorbei die Zeiten des einsamen Platzhirschen
Während das Team aus Milton Keynes bisher alle Rennen der Saison mit riesigem Vorsprung gewinnen konnte, gelang es in Kanada nicht so einfach. Es war das engste Duell um die Spitze der bisherigen Saison. Am Ende fuhr der Niederländer nur zehn Sekunden vor dem ersten Verfolger in Ziel. Weite Strecken über das Rennen betrug der Vorsprung sogar nur fünf Sekunden. Dominanz sieht anders aus. Aston Martin hat in Kanada Upgrades an das Auto montiert, Mercedes bereits in Monaco. Offenkundig scheinen die Neuerungen zu funktionieren und die Spitze enger zusammenzuführen. Auch Ferrari konnte die Pace der Spitze mitgehen, nachdem es für die Scuderia in Barcelona katastrophal lief.
Während der führende Verstappen nach dem Safety-Car mit frischen harten Reifen Rundenzeiten von 1:16.8 fuhr, blieben die Ferrari-Fahrer für eine Ein-Stopp-Strategie draußen und waren nur drei bis vier Zehntelsekunden pro Runde langsamer. Ihren einzigen Stopp absolvierten die Ferrari-Fahrer in Runde 38 respektive 39. Bei diesem letzten Stint auf dem harten Compound waren Leclerc und Sainz nur etwa eine Zehntelsekunde langsamer als der Bulle vorne. Wäre Charles Leclerc am Samstag nicht in Q2 ausgeschieden und Carlos Sainz während des Qualifyings nicht bestraft worden, hätten die Ferrari-Piloten beim Rennen auf der Ill-Notre-Dame sicherlich um das Podium kämpfen können.
Dass der Red Bull nicht mehr das übertrieben dominierende Auto der Saison bleiben wird, zeigt auch Sergio Perez. Auch beim letzten Rennen in Spanien startete der Mexikaner außerhalb der Top-Ten das Rennen. Dort konnte er jedoch noch beide Ferraris, beide Aston-Martins und beinah auch noch Mercedes aus eigener Kraft überholen. Dies gelang in Montreal nicht mehr, obwohl das Überholen auf dem Stadtkurs erwartungsgemäß leichter ist. Trotz ähnlicher Strategie wie die Ferrari-Fahrer lag Sergio Perez In Kanada kurz vor Rennende vor seinem Wechsel auf die roten Reifen, um sich die schnellste Rennrunde zu ergattern, über 11 Sekunden hinter Sainz.
Die nächsten Rennen werden zeigen, ob es sich in Kanada nur um ein schwächeres Rennen des Red-Bull-Teams handelte oder ob die Updates der Konkurrenz wirklich die erwünschten Veränderungen bringen.
Reifenflüsterer Alexander Albon
Die beiden Ferrari-Fahrer und Sergio Perez waren nicht die einzigen Fahrer im Rennen, die nur einmal an die Box gefahren sind. Williams-Pilot Alexander Albon hat das Gleiche gemacht, jedoch viel aggressiver. Im Vergleich zu den anderen ist er während der SC-Phase an die Box gekommen und ist von Medium auf Hart gegangen. Mit dieser harten Reifenmischung fuhr der Thailänder 59 Runden und damit konstant zum Ende durch. Solch aggressive Strategien sind für Albon im eigentlich unterlegenen Williams nichts neues. Während des Australien-Rennens 2022 fuhr er das komplette Rennen auf einem Reifensatz und wechselte erst in der letzten Runde seine Pneus. Damals konnte er von Platz 20 auf den zehnten Rang in die Punkte fahren. Dass diese aggressiven One-Stopp-Rennen jedoch nicht immer funktionieren, zeigten Ocon und Hülkenberg dieses Jahr in Baku. Dort sind beide Piloten mit derselben Idee an den Start gegangen, sie sind aber beide nach ihren Boxenstopps aus den Punkterängen gefallen.
Beim Kanada-Rennen 2023 bedeutete Alexander Albons Strategie Platz sieben und sechs WM-Punkte. Somit belegt er nun Platz 12 in der Fahrerwertung und auch sein Team, Williams, konnte mit diesen Punkten Alpha-Tauri überholen und sie sind in der Konstrukteursmeisterschaft nicht mehr die rote Laterne.
Doch keine Punkte für Hülkenberg
Das Wochenende in Montreal startete durchwachsen für Nico Hülkenberg. Erst der Motorschaden im Freien Training und am Samstag im Qualifying fast in Q1 ausgeschieden. Als der Haas-Pilot jedoch unter stärker werdendem Regen im letzten Qualifyingsegment Startplatz zwei herausfuhr, gab es bei vielen die Hoffnung, dass der Emmericher endlich mal wieder Punkte einfahren könne. Die ersten und einzigen Punkte des Jahres konnte Hülkenberg beim Chaos-GP in Australien mit Platz sieben sammeln. Es stellte sich jedoch schnell Ernüchterung ein. Erst die Starfplatzierung, weil der Deutsche während der Rot-Phase im Qualifying zu schnell war, und dann im Rennen die frühe Erkenntnis, dass der Haas-Pilot der Bremsklotz im Mittelfeld ist. Spätestens als Hülkenberg unglücklich kurz vor der SC-Phase zu Beginn des Rennens stoppte und viele Positionen verloren hatte, war klar, dass es für Punkte nicht mehr reichen würde. Am Ende war es nur Platz 15. Hauptursache für die schwache Longrun-Pace sei Hülkenbergs Meinung nach die Aufhängung. Der Haas VF-23 sei ein sehr hart abgestimmtes Auto und so vor allem bei Bodenwellen und Kurbs nervös zu steuern. Das resultiert in einen Boliden, welcher den Reifen sehr beansprucht. Reifenschonendes Fahren über einen langen Stint sei aktuell nicht möglich.
Immerhin beendete der Deutsche das Rennen zwei Plätze vor seinem Teamkollegen Kevin Magnussen.
Die FIA machte alles richtig
Wie groß ist die Kritik an die FIA, den Rennleiter und die Stewards, wenn es eine vermeintliche Fehlentscheidung gibt? Beim Rennwochenende in Montreal aber haben die Regelhüter stets angemessen, schnell und im Sinne des Sports entschieden.
Am Freitag wurde das zweite freie Training durch die Stewards verlängert, weil das erste Training wegen dem Ausfall der benötigten CCTV-Kameras nichts planmäßig stattfinden konnte. Beim Qualifying erhielten Sainz, Tsunoda und Stroll allesamt für das Aufhalten hinterherfahrenden Autos die gewohnte Startplatzstrafe. Hülkenbergs Rot-Verstoß beim Quali wurde ebenfalls angemessen unter mildernden Umständen bestraft. Auch beim Rennen sind alle Entscheidungen richtig gewesen. Sei es die Situation zwischen De Vries und Magnussen, bei der sich beide Fahrer ins Abseits gebracht haben, oder der vermeidliche Unsafe-Release von Mercedes auf Alonso. In beiden Fällen wurden keine Strafen ausgesprochen und man hat nicht in das Renngeschehen eingegriffen.
Die am meistdiskutierte Strafe des Rennens war die für unsportliches Verhalten von Lando Norris. Bevor George Russell mit seiner Berührung an der Wand die Safety-Car-Phase auslöste, betrug der Abstand in Runde 11 zwischen Norris auf Platz sieben und seinem vorrausfahrendem Teamkollegen Piastri auf Platz sechs 2,8 Sekunden. Als eine Runde später Bernd Mayländer ausgerufen wurde, informierte das McLaren-Team Norris darüber und sagte ihm, dass er jetzt mit Piastri zum Reifenwechsel kommen soll. Sofort ging Lando vom Gas und ließ die Lücke größer werden, damit er in der Boxengasse nicht auf seinen Teamkollege warten muss. Zu diesem Zeitpunkt war Piastri 50 km/h schneller, sodass der Abstand bei Einfahrt in die Boxengasse auf über vier Sekunden gewachsen ist.

Durch das Verlangsamen von Norris musste die Kolonne hinter ihm ebenfalls warten, da Überholen bekanntlich unter SC-Bedingungen verboten ist. Während andere Teams sich präventiv auf solche Situationen vorbereiten, hat Lando Norris unsportlich und absichtlich getrödelt und deshalb berechtigt eine Fünf-Sekunden-Strafe bekommen.
In zwei Wochen steht der große Preis von Österreich in Spielberg an. Dort kann Red-Bull bei seinem Heimspiel als Team das zehnte Rennen in Folge gewinnen. Mit den funktionierenden Updates von Ferrari, Mercedes und Aston Martin wollen sie das aber mit aller Kraft verhindern.