Die Formel 1 hat sich von ihren gefährlichen Anfängen, geprägt von mangelnder Sicherheit und tragischen Unfällen, zu einer Ära innovativer Sicherheitsmaßnahmen entwickelt. Trotz erheblicher Fortschritte bleibt die ständige Suche nach optimaler Sicherheit eine zentrale Herausforderung im Motorsport. Ein Rückblick auf die Sicherheitsevolutionen der Formel 1.
Die tödliche Anfangszeit
Die erste Formel-1-Weltmeisterschaft fand 1950 statt. Damals war die Rennserie noch in ihren Kinderschuhen. Genauso wie die Sicherheitsmaßnamen während der Rennen, denn diese gab es schlicht nicht. Normale Sicherheitsmaßnahmen von heute wie das Safety-Car, Streckenmarshalls oder feuerfeste Rennoveralls waren damals undenkbar. Nicht einmal einen Helm mussten die Fahrer während den Rennen tragen. In den ersten zwei Jahren der Weltmeisterschaft trugen einige Fahrer Lederkappen und Schutzbrillen, um sich vor Insekten zu schützen. Aber auch diese waren nicht verpflichtend.

Zwar wurde nach Außen kommuniziert, die Sicherheit hätte obererste Priorität, „Safety First“, aber das entsprach nicht der Wirklichkeit. Die Fahrer und Teams strebten eher danach, ihre Rennwagen schneller zu machen, anstatt sie sicherer zu gestalten. Denn die Sicherheit spielte in der Anfangszeit keine Rolle.
Im ersten Formel-1-Jahrzehnt haben acht Fahrer ihr Leben verloren. Zusätzlich sind fast zwei Dutzend Piloten in anderen Rennserien in dieser Zeit verstorben – unteranderem der zweifache Weltmeister Alberto Ascari.
„The Killer Years“
Besonders tragisch waren die 60er und 70er Jahre. Insgesamt 25 Fahrer sind im Zusammenhang mit Formel-1-Rennen in diesen zwei Jahrzehnten ums Leben gekommen. Deshalb werden sie auch als „the Killer Years“ bezeichnet.
„In dieser Zeit zu überleben, war keine Frage des Talents, es war ausschließlich Glück!“
Jacky Ickx, Vize-Meister 1969 und 1970
Im Jahre 1961 wurde die bis heute bestehende Fahrervereinigung „Grand Prix Drivers’ Association“ (kurz: GPDA) ins Leben gerufen. Dadurch sollten die Meinungen der F1-Piloten stärker berücksichtigt werden. Jedoch war die GPDA zunächst sehr ineffizient, da sich die Fahrer mit einer Ausnahme nicht getraut haben, sich für mehr Sicherheit im Motorsport ein zusetzten.
Jacky Stewart war jedoch seiner Zeit weit voraus und setzte sich vehement für mehr Sicherheit in der Forme 1 ein. „Als ich [1965] angefangen habe, in der Formel 1 zu fahren“, erinnert sich Stewart zurück, „waren die Strecken unglaublich gefährlich!“. Dies musste der Schotte 1966 am eigenen Leib feststellen. Während des verregneten Rennens in Spa-Francorchamps verlor Steward die Kontrolle über seinen B.R.M. und crashte erst mit einem Telefonmasten, dann mit einem Holzstapel zusammen und kam schließlich an der Wand eines Bauernhauses zum Stehen. Der ebenfalls verunfallte Graham Hill musste Stewart aus dem Wrack bergen, da keine Marshalls oder Ärzte vor Ort waren. Über 25 Minuten dauerte es, bis ein Krankenwagen den schwerverletzten Schotten ins Krankenhaus fahren konnte.

Das Rettungssystem in der Formel 1 sei völlig falsch, resümierte Stewart nach dem Unfall und setzte sich fortan für die Sicherheit der Fahrer ein. Vollvisierhelme, feuerfeste Rennanzüge und der Sechs-Punkt-Sicherheitsgurt sind alles Sicherheitsinnovationen, die es nur wegen Jacky Stewart in der Formel 1 gibt. Er bezeichnet zudem die Saison 1968 als einen „Wendepunkt in der Sicherheit“. In diesem Jahr sind Jo Schlesser und Jim Clark in Rennen tödlich verunglückt. Dies hatte zur Folge, dass der Großteil des Fahrerfeldes sich für höhere Sicherheitsstandards an den Strecken einsetzte. Sie forderten unteranderem sichere Barrieren und Fangzäune an den Kursen. Die Streckenbetreiber wehrten sich oftmals gegen die Änderungen, weil die Umbaukosten so hoch waren. Sie argumentierten, dass die besten Fahrer der Welt sich an die Streckenbedingungen anpassen müssten. Weil die von den Fahrern geforderten Umbaumaßnahmen 1969 in Belgien und ein Jahr späten am Nürburgring nicht umgesetzt wurden, boykottierten die Fahrer diese zwei Grand-Prix aus Sicherheitsgründen. Ein wichtiger Meilenstein für die Sicherheit in der Formel 1.
Der Vater der Sicherheit: Dr. Sid Watkins
Der in Liverpool geborene Sid Watkins war Neurochirurg und ab 1978 für über 25 Jahre der Chefarzt der Formel 1. Bereits in seinem sechsten Einsatz als Rennarzt musste Watkins jedoch erleben, wie Ronnie Peterson nach einem Startunfall in Monza gestorben ist. Dieser Todesfall wäre nach Meinung von Watkins vermeidbar gewesen, wenn die medizinischen Abläufe besser gewesen wären. Drei wesentliche Aspekte hielten Watkins dabei auf, das Leben des 34-jährigen Schweden zu retten: Watkins hatte kein Auto, um zum Unfallort zu fahren. Die Polizei ließ Watkins als Rennarzt nicht auf die Strecke und drittens, als der verletzte Peterson bei ihm im Medical Center eintraf, störten Fotografen und Zuschauer die Rettungsmaßnahmen.

Es war ein Todesfall, des sich so niemals mehr in der Formel 1 wiederholen sollte. Danach führte Sid Watkins erstmals das Medical Car ein, damit Watkins sofort bei einem verunfallten Fahrer sein konnte. Auch ein Rettungshelikopter stand ab dem Monza-Unfall zur Verfügung. Allgemein sorgte Sid Watkins während seiner Dienstzeit als Rennarzt für viele medizinische Sicherheitsrevolutionen in der Formel 1. Neben der Einführung vom Medical Car und des Rettungshelikopters, leitete Watkins eine neu gegründete Sicherheitskommission und trainierte mit den Marshalls regelmäßig das Bergen von Piloten aus verunfallten Autos.

Durch sein unvergleichbares Engagement in der Formel 1 wird Watkins oftmals auch als „der Vater der Sicherheit“ bezeichnet.
Das schwarze Imola-Wochenende
Während die 80er-Jahre mit vier Todesfällen vergleichsweise moderat waren, erlebte die Formel 1 in der Saison 1994 in Imola das tragischste Wochenende aller Zeiten. Erst verletzte sich Rubens Barrichello am Freitagstraining schwer, dann verunglückte am Samstag der Österreicher Roland Ratzenberger tödlich und am Rennsonntag stirbt bei einem Unfall schließlich noch Ayrton Senna. Der letzte tödliche Unfall während eines F1-Rennwochenendes war zu diesem Zeitpunkt zwölf Jahre her. Auf einmal war der Tod wieder direkter Teil des Motorsports und 200 Millionen Zuschauer weltweit haben gesehen, was niemand sehen wollte. Der ehemalige F1-Boss Bernie Ecclestone vergleichte den Senna-Tod mit einer Live-Kreuzigung von Jesus.
Dieses tragische Wochenende war jedoch der größte Wendepunkt in der Sicherheitspolitik in der Formel 1. Nicht nur waren sich alle Einig, dass der Tod in Zukunft nicht mehr Teil des Sport sein solle, sondern auch, dass die Sicherheit höchste Priorität hat. Dazu hat die FIA sofort nach dem schrecklichen Wochenende Konsequenzen gezogen. So musste beispielweise die Endplatte des Frontflügels gekürzt werden ebenso wie der Diffusor unterhalb des Autos. Zeitgleich wurden einige Strecken für die Saison 94 mit zusätzlichen Schikanen ausgestattet. All diese Anpassungen trugen zur schnellen Erhöhung der Sicherheit bei, da die Autos verlangsamt wurden. Aber auch langfristig wurde viel in die Sicherheit nach dem Imola-Wochenende investiert. Die seitlichen Crash-Strukturen wurden deutlich verstärkt genauso wie das Headrest an der Seite der Fahrer erhöht. Aber auch intensivere Crashtests haben die Sicherheit in der Formel 1 deutlich erhöht.

Neue Tests für mehr Sicherheit
Nach dem schwarzen Wochenende in Imola gab es für 20 Jahre keinen tödlichen Unfall in der Formel 1. Dies lag nicht an Glück, sondern weil die FIA konstant die Sicherheitsstandards im Motorsport erhöht hat. Jeder Unfall wurde fortan analysiert und nach möglichen Verbesserung untersucht.
In Folge des schweren Unfalls von Felipe Massa beim Qualifying für das Budapest-Rennen 2009, bei dem er von einer schweren Sprungfeder am Visier getroffen wurde und infolgedessen bewusstlos wurde, wurden neue Helme eingeführt.
Im gleichen Jahr hatte Timo Glock ebenfalls im Qualifying für den Japan-GP einen schweren Unfall. Dabei hatte sich der Deutsche am Bein verletzte. Die FIA führte nach dem Unfall neue Unterboden-Tests ein.
„Die Formel-1-Teams haben die Aufgabe, ihre Autos so schnell wie möglich zu machen und es ist der Job der FIA sicherzustellen, dass die Fahrer bei diesen Geschwindigkeiten so sicher wie möglich sind.“
Charlie Whiting, Rennleiter und Sicherheitsbeauftragter von 1997 bis 2019
Alle Crashtests, Sicherheitsmaßnamen und medizinischen Vorgehrungen haben 2014 aber leider versagt, als Jules Bianchi im verregneten Suzuka von der Strecke kam und unter einen Bergekran geriet. Der junge Franzose wurde sofort in ein künstliches Koma versetzt, aus welchem er aber niemals mehr erwachte. Bianchi verstarb in Folge seiner Verletzungen im Sommer 2015. Es war ein Unfall, der durch unglückliche Verknüpfungen von Ereignissen verursacht wurde. Kimi Räikkönen ist der Meinung, dass dieser Unfall „vermeidbar“ gewesen wäre.
Die Halo-Revolution
Während in den Anfangsjahren vor allem Feuerunfälle die größte Gefahr für die Fahrer waren, sind es heutzutage herumfliegende Teile und sogenannte T-Bone-Unfälle. Zur Saison 2018 führte die FIA nach langen Diskussionen den Halo-Schutzbügel in der Formel 1 und ihren Nachwuchsklassen ein. Viele Fahrer, Fans und F1-Verantwortliche waren zunächst gegen den nicht sonderlich ästhetischen Schutzbügel über den Köpfen der Fahrer. Mittlerweile gibt es das Halo seit über sechs Jahren und er hat sich als wegweisende Sicherheitsrevolution herausgestellt. Ohne den Bügel wären viele Unfalle der letzten Jahre sicherlich nicht so glimpflich ausgegangen. An erster Stelle ist hier Romain Grosjean zu erwähnen, der 2021 das Bahrain-Rennen nach dem spektakulären Feuerunfall nur aufgrund des Halos überleben konnte.

Auf der anderen Seite hat die Motorsport-Welt 2019 mit Anthoine Hubert und 2022 mit Dilano van’t Hoff zwei Nachwuchspiloten in Folge von T-Bone-Unfällen verloren. Beide Piloten haben in Spa-Francorchamps Ausgang von Eau Rough die Kontrolle über ihren Wagen verloren, sind eingeschlagen und wurden danach von einem anderen Fahrzeug an der Seite getroffen. Aus den Unfällen hat die FIA gelernt. Die aktuelle F1-Generation ist doppelt so gut vor solchen Unfällen geschützt wie 2021 noch.
Die Unfälle der letzten Jahren zeigen, die Formel 1 ist so sicher wie noch nie. Eine komplette Sicherheit im Motorsport wird es aber nie geben können, obwohl die Formel 1 alles dafür unternimmt, damit die Sicherheit der Fahrer immer größer wird. Durch die hohen Sicherheitsmaßnahmen ist der Tod zwar immer noch anwesend, aber bei weitem nicht mehr so präsent wie in der 60er und 70er-Jahren.
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