Hätte Ayrton Senna heutzutage den Unfall überlebt?

Das Imola-Rennwochenende 1994 ist bis heute der schwärzeste Grand-Prix in der Formel-1-Geschichte. Neben einem schweren Trainingsunfall von Rubens Barrichello und mehreren verletzten Zuschauern nach einem Startunfall, starben mit Roland Ratzenberger am Quali-Samstag und nur einen Tag später mit Ayrton Senna zwei F1-Piloten an einem Wochenende. Dieser traurige Höhepunkt jährt sich heute zum dreißigsten Mal.

Held einer ganzen Nation

Am 1. Mai 1994 stirbt mit Ayrton Senna der Held einer ganzen Nation. Ein Held, der bereits zu seinen Lebzeiten durch seine fahrerischen Meisterleistungen zu einer unsterblichen Legende wurde. Es ist eine Heldenreise, welche Ausgangs der Tamburello-Kurve ein schnelles Enden finden sollte. Der brasilianische Pilot verliert die Kontrolle über seinen Williams-FW16 und prallt mit über 200 km/h in die Betonmauer. Bis heute ist die genaue Unfallursache unklar. Die Folgen des Unfalls sind jedoch folgenschwer und Senna wird bereits kurz nach dem Unfall für Tod erklärt.  

Das tragische Imola-Wochenende ereignete sich zu einer Zeit, als niemand mehr die Formel 1 für sonderlich gefährlich hielt. Während in den 60er- und 70er-Jahren der Tod ein ständiger Begleiter in der Königsklasse war, ist der letzte tödliche Formel-1-Unfall 1994 bereits acht Jahre her. Die Motorsport-Spitze glaubte, der Sport sei mittlerweile sicher genug. 

In Folge der tödlichen Unfälle von Imola wurde das Thema Sicherheit in der Formel 1 und in der FIA nochmal komplett neu gedacht. Seitdem hat sich bekanntlich vieles verbessert. Doch hätte Ayrton Senna den gleichen Unfall heutzutage überlebt?

Parkplätze sorgen für Sicherheit

Neue Formel-1-Strecken werden oftmals dafür kritisiert, dass die Auslaufzonen abseits der Strecke viel zu großzügig seien und eher an Parkplätze als an einen Grand-Prix-Kurs erinnern. Fakt ist aber, dass große Auslaufzonen für Sicherheit sorgen. 

Mittlerweile nett Lackiert: Die großen Auslaufzonen in Miami.

Der hierfür benötigte Platz war damals in Imola aber nicht gegeben. Ein Fluss hinter der Tamburello-Kurve sollte der Auslaufzone ein natürliches Ende setzen. Ein Umstand, den ausgerechnet Senna selbst vor dem Rennwochenende 1994 kritisiert hatte.

Ziel im Designprozess einer jeden Rennstrecke ist es, die Energie bei einem möglichen Aufprall bestmöglich zu absorbieren. Dafür sind große Auslaufzonen jedoch nicht immer die Lösung. Mit Hilfe von hochmodernen TecPro-Barrieren oder sogenannten SAFER-Barrieren können die Gefahren bei einem Aufprallunfall heutzutage enorm verringert werden. 

Das heißt aber nicht, dass es keine Betonmauern mehr gäbe. Ganz im Gegenteil, auch heutzutage werden Betonmauern zum Schutz der Fahrer an Strecken verbaut. Gerade Highspeed-Kurse wie die Jeddah oder in Baku sind dafür bekannt. Es klingt es widersprüchlich, macht aber Sinn: Damit es bei Geschwindigkeiten von über 300km/h erst gar nicht zu Aufprallunfällen kommt, werden Betonmauern direkt neben die Streckenbegrenzung platziert. Bei einem Abflug prallt der Pilot nicht frontal ein, sondern rutscht mit einem flachen Winkel an der Mauer entlang. So wird die Geschwindigkeit langsam und kontrolliert abgebaut.

Kein Airbag, aber Halo

Nach dem folgenschweren Senna-Unfall diskutierten alle Formel-1-Experten, wie man die Königsklasse sicherer machen könnte. In den Folgejahren wurden viele der Ideen umgesetzt: Die Fahrerumrandung ums Cockpit wurde angehoben, die Crashtests wurden ausgebaut und die Autos wurden insgesamt langsamer gemacht, damit es in Zukunft nicht mehr zu solchen Horror-Szenarien kommen kann. 

Der Fahrer sollte im Cockpit zudem rundum geschützt werden. Aber schon damals war klar, dass die Piloten von vorne nur schwer geschützt werden können. Eine mögliche Idee dies zu ändern, war die Einführung eines Airbags. Ein Airbag würde vielleicht den Aufprall verringern, hätte Senna bei seinem tödlichen Unfall aber nicht gerettet. Der dreifache Weltmeister wurde direkt beim Einschlag in die Mauer von einem Vorderreifen getroffen. Die Folge war ein schwerer Schädelbruch.

Es sollte ziemlich genau 20 Jahre dauern, bis die Formel 1 sich mit dieser Problematik wieder beschäftigen musste. Anlass war der tödliche Unfall von Jules Bianchi während des Regenrennens 2014 im japanischen Suzuka. Der Nachwuchspilot verlor bei nassen Bedingungen die Kontrolle über seinen Wagen und fuhr direkt unter einen Bergungskran. 

Der Halo-Bügel ist vielleicht die größte Sicherheitsrevolution der letzten Jahre.

In Folge des ersten tödlichen Unfalls seit Senna entwickelte die FIA und die Formel 1 den Halo-Sicherheitsbügel. Bei seiner Einführung 2018 wurde der Nutzen und die Optik noch heiß diskutiert. Mittlerweile herrscht im Fahrerlager Einigkeit: Das Halo rettet leben! Etliche schwere oder wohlmöglich tödliche Unfälle konnten auf Grund des Halos vermieden werden. Gerade der Schutz vor herumfliegenden Teilen oder Reifen ist einer der größten Stärken des Überrollbügels. 

Ayrton Senna hatte 1994 bekanntlich noch keinen Halo über seinem Cockpit. So war der Brasilianer dem herumfliegenden Reifen schutzlos ausgesetzt.

Lebensretter Helm 

Einer der Hauptgründe für Sennas Tod war eine Metallstrebe der Vorderachse, die sich in das Visier des Brasilianers bohrte. Die Strebe bohrte sich durch das Visier in den Kopf und löste dort schwere innere Blutungen aus. 

Ausgerechnet Sennas brasilianischer Landsmann, Felipe Massa, hätte mit seinem fatalen Unfall während des Qualifyings zum Ungarn Grand Prix 2009 die Überlebenschancen der Formel-1-Legende deutlich erhöht. Massa wurde damals von einer herumfliegenden Sprungfeder am Visier getroffen. Der damalige Ferrari-Pilot wurde sofort bewusstlos und schlug in einen Reifenstapel ein. Der Unfall verlief einigermaßen glimpflich, weil der Helm einen recht hohen Schutz bot. 

Zum Vergleich: Massas Helm musste bei den Crashtests doppelt so hohe Grenzwerte bestehen wie der Kopfschutz von Senna 1994. Die Entwicklung der Helme schreitet seitdem kontinuierlich voran. Die neusten Sicherheitsstandards für Helme stammen aus dem Jahr 2019. Die Helme sind nun noch sicherer vor herumfliegenden Teilen und das Visier ist jetzt kugelsicher. Ein entscheidender Faktor für die Überlebenschancen von Ayrton Senna.

Hätte Senna überlebt?

Das Imola-Wochenende hat viel beim Thema Sicherheit in der Formel 1 verändert. Ob Ayrton Senna den Unfall heutzutage überlebt hätte, ist schwer zu sagen. Die erhöhten Sicherheitsmaßnahmen an der Strecke, am Auto und beim Fahrer hätte sicherlich dazu geführt, dass die Überlebenschancen von Senna deutlich besser gewesen wären. Nichtsdestotrotz war der Motorsport schon immer gefährlich und wird es trotz aller Sicherheitsmaßnahmen in Zukunft auch immer bleiben. Gerade an Tagen wie diesen wird deutlich, wie wichtig der Kampf um mehr Sicherheit nach wie vor bleibt!

Hinterlasse einen Kommentar